Ein großes signalrotes K steht schon von weitem sichtbar an einen Lavastein am Feldrand gelehnt. Alf Becker kombiniert Millionen Jahre alten Lavabasalt mit modernem Baustahl. Die Erfindung von T- oder Doppel-T Trägern aus Eisen hat die Bauphysik revolutioniert. Die Form von T oder H ermöglicht mit relativ sparsamem Einsatz von Stahl eine größtmögliche Stützfestigkeit. Große Bauwerke können so material– und platzsparend leicht und zierlich wirkend errichtet werden. Die Form des K mit den schrägen Elementen erinnert an Balkenkonstruktionen von Fachwerkhäusern. Hier haben die schrägen Balken noch eine zusätzliche Funktion zur Abstützung und Ableitung von Gewichtsdruck auf das Fundament.

Alf Beckers rotes aus diesem Doppel-Träger-Stahl geschweißtes K wirkt aber typografisch eigenartig dysproportioniert: Aufstrich und Abstrich des Buchstabenkörpers sind im unteren Drittel an den Grundstrich angeschweißt, dabei ruht der Aufstrich auf dem Abstrich. (Standard wäre etwa das Gegenteil) Die Oberlängen scheinen so viel zu lang, außerdem kippt der ganze Buchstabe nach rechts und sucht Halt und Stütze auf dem urtümlichen Basaltlavaklotz. Die Funktion hat sich umgekehrt.

Der dunkelgraue Stein wurde oben großflächig schräg abgetragen und plan geschliffen. So entstand die Auflagefläche für den aufstrebenden Schrägstrich des Buchstabens K. Alf Becker verwendet Basaltlava aus Londorf bei Gießen entstanden vor 5 bis 20 Millionen Jahren, mit gasförmigen porösen Einschlüssen, die ihm das Aussehen von feinem Schwammgewebe verleihen. Dennoch ist Basaltlava extrem frost- und witterungsbeständig. Aus Londorfer Basaltlava wurden Kirchen und Schlösser in der Region gebaut. Auch die Treppen des Kasseler Herkules.

Beide Materialien stehen also für besondere Kraft und Stärke, trotzdem entwickelt sich hier eine große Spannung zwischen beiden. Warum benötigt die starke Stahlstütze, die geniale Erfindung des Menschen der Neuzeit Halt? Die Kombination der Materialien, die grazile Form des Stahls gegenüber der plumpen Form des Steins und die Farben Rot und Anthrazit von Stahl und Stein erzeugen eine hohe Spannung. Das Werk hebt den Kontrast zwischen der Urgeschichte der Entstehung unserer Erde und moderner menschlicher Technik zu ihrer Beherrschung hervor.

Alf Becker, 1953 in Burgwald geboren, wählt Rot als Signalfarbe, als Zeichen im Umgang mit der Natur. „Das Verhältnis von Mensch und Natur beschäftigt mich immer wieder in meiner Arbeit. Ein wichtiges Thema ist für mich auch die Balance. Wo stehen wir? Sind wir über den Kipppunkt hinaus, oder machen wir uns überhaupt Gedanken über Zukunft?“ Die Bedeutung des Buchstabens K lässt Raum für Assoziationen: Kunst, Kampf, Kontraste, Kipppunkt

Titel: K
Künstler*in: Alf Becker
Material: Baustahl, Basaltlava aus Londorf bei Gießen
Abmessungen: 230 x 160 x 50 cm
Entstehung: 2004

Text und Foto: Gabi Jancke

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